{ Rezension } Die Luft da oben

Pauline Keller | Die Luft da oben | BoD - Book on Demand | € 8,99 | Genre: Jugendbuch | 242 Seiten | ISBN 978-3-7357-8062-1

Darum Geht's:


Lena hätte eigentlich allen Grund zu feiern. Sie hat gerade ihre Abschlussprüfung des BWL-Studiums erfolgreich abgeschlossen. Wäre da nicht ihre Familie, die sie als Faulenzerin, als arbeitslose Versagerin abstempeln würde und sie ständig mit anderen vergleicht. Wäre da nicht ihre falsche Freundin Verena, die sie wie ein Taschentuch benutzt und wegschmeißt. Wäre da nicht dieses Klassentreffen, das sie daran erinnert, wie sie während ihre Schullaufbahn wegen ihren 1,82 Meter Körpergröße immer wieder verbale Seitenhiebe verpasst bekommen hat. "Lena, wie ist die Luft da oben?" Aber vor allem: Wären da nicht ihre Selbstzweifel und ihre verzerrte Wahrnehmung, die sie von sich selbst hat.
Wie bereitet sich Lena mit diesen Voraussetzungen auf das Klassentreffen vor? Wie findet sie doch einen Weg zu sich selbst?

Cover, Titel, Klappentext:


Natürlich ist das Cover jetzt nicht gerade das ästhetischste, aber mir stach das Buch wegen seinem sehr besonderen Aussehen sofort ins Auge, unabhängig davon. Es ist vor allem außergewöhnlich. Und das hat sofort meine Neugier geweckt. 
Auch der Titel passt wunderbar dazu. Lena wird auch im Roman selbst mehrmals danach gefragt, wie die Luft da oben denn so sei. Alles spielt sehr gekonnt auf ihre Problematik ein. 
Der Witz mit der Giraffe täuscht vielleicht über den doch teilweise ein lustiges Buch vor, was es aber nur bedingt ist. In vielen Teilen ist es schon sehr ernst und nachdenklich.
Worüber gar nicht erzählt wird, ist die Problematik mit ihrem sozialen Umfeld, was auch noch ein wichtiges Thema im Buch ist. Vor allem am Anfang wird fast gar nicht auf die Körpergröße eingegangen. Dennoch nehmen das Klassentreffen und ihre Komplexe einen zentralen Punkt der Geschichte ein und deswegen finde ich es passend. 

Außergewöhnlicher Debut-Roman


Was kann ich? Was will ich? Wie soll es weitergehen? Diese und noch ganz andere Gedanken teilt uns Lena in der Ich-Perspektive mit. Es ist die Angst, mit ihrem Beruf nicht glücklich zu werden, denn eigentlich will sie nur das. Zugegeben, das ist noch nicht besonders außergewöhnlich. Aber das Buch hat viele Elemente, die es von anderen doch schon unterscheidet. 
Zunächst ist da der Druck, den sie von allen Seiten bekommt und ihr keinen ruhigen Moment zulässt, um über sich selbst nachzudenken.
Da ist ihre Familie, der man, während man das Buch liest, am liebsten die Leviten lesen würde. 

"'Und Faulenzer werden nirgends gern gesehen' 'Faulenzer?' Mir stockt der Atem. 'Redest du von mir?' 'Ich sage nur, wie es ist.'"
- S. 14

Von ihrer Familie muss sie sich regelmäßig anhören, dass das Studium Zeitverschwendung war und dass sie eine anständige Ausbildung hätte machen sollen. Und auch, dass sie schon längst hätte Bewerbungen losschicken sollen, anstatt darüber nachzudenken, was sie wirklich will.
Dabei merkt man, wie Lena anfänglich zu ein Spielball verschiedener Personen wird. Zwischen den Anforderungen ihrer Familie und denen ihrer angeblich besten Freundin Verena, die alle eine sehr starre Vorstellung davon haben, wie Lena sich zu verhalten hat, versucht sie es allen recht zu machen und kann bei diesen unrealistischen Anforderungen nur scheitern. 
Als Leser kann man sich nur fragen: Wieso tust du dir das an? Warum umgibst du dich mit solchen Personen, die dir nur schaden?
Auf die Antwort wird man nicht hingewiesen, aber es ist dennoch ganz deutlich: Wegen ihres sehr geringen Selbstbewusstseins, das auch für ihre verzerrte Selbstwahrnehmung verantwortlich ist. Man merkt beim Lesen immer mehr, wie wenig sie sich selbst zutraut und wie sehr sie sich selbst unterschätzt. Ihre Erinnerungen, die sie schildert, sind davon geprägt, dass sie versagt hat, dass sie anders war, dass sie gehänselt wurde.

"Andere sind all das, was ich nicht bin! Andere sind froh, dankbar, tüchtig, sparsam, ordentlich, selbstständig und schlafen am Wochenende nicht bis ultimo. Von klein auf wurde das in mein Hirn eingemeißelt."
- S. 75

 Solche Erlebnisse haben wohl Spuren hinterlassen und als Leser erhält man nach und nach immer mehr Verständnis dafür, wieso sie sich zu so einer Person entwickelt hat. Und das ohne melodramatische, kitschige Vergangenheit. Lena ist in ihrer Person mit ihrer Problematik sehr außergewöhnlich, und dennoch ist es nicht so realitätsfern, dass man sie auch immer nachvollziehen und sich mit ihr identifizieren kann.
Die sympathische Außenseiterin entwickelt sich im Laufe des Buchs - zum Glück! Immer mehr nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand, immer mehr nimmt sie sich auch in Schutz. Auch das Klassentreffen, wovor sie wegen den Hänseleien so Angst hatte, nimmt sie als Chance an: Als Chance zu zeigen, dass sie sich nicht mehr verstecken muss. Und das alles wirkt nicht künstlich oder gestellt, die Entwicklung scheint fließend und immer nachvollziehbar. Auch wenn ich Lena manchmal am liebsten richtig durchgerüttelt hätte, konnte ich sie in jedem Moment auch irgendwo verstehen.

Stilistisch wird diese doch sehr erdrückende Thematik etwas aufgelockert. Der Schreibstil ist sehr jugendlich, modern und auch sehr lebhaft. Vieles wird in GROSSBUCHSTABEN geschrieben, wenn etwas geschrien wird, oft tauchen auch gleich mehrere Ausrufezeichen in Kombination (?! !!!) auf, es wird mit Onomatopoetika gearbeitet ("KLICK-KLACK" S. 212), einige Worte werden lang gezogen ("Ääääääällllllviiiiis!" S. 165), Lena schreit auch ab und zu ihre Fassungslosigkeit in Gedanken heraus. Insgesamt war mir der Schreibstil etwas zu unruhig, und zu aufbrausend. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass das Buch nur sehr starke Emotionen beschreibt und die zarten eher außen vor lässt. Aber das ist Ansichts- und Geschmackssache und ich finde, dass dieser Schreibstil sehr gut zu Lena als Person passt. Es hat sie auch nahbar und lebendig gemacht. Die Dialoge wurden dadurch pfiffig und echt unterhaltsam, aber für mich persönlich auf Dauer etwas anstrengend zum Lesen. 

Es gab nur zwei Dinge, die mich etwas gestört haben.
 1. gibt es durchaus Passagen, die sich etwas in die Länge gezogen haben, weil sie sich zu sehr ins Detail verstrickt haben. Andererseits gibt es auch Passagen, in denen mir manches zu schnell abgehandelt wurde, wo ich mir mehr Ausarbeitung gewünscht hätte.
2. fand ich das Ende zu leicht gelöst. Gerne hätte ich mehr Zeit mit Lenas Entwicklung verbracht, aber am Ende gab es einen doch sehr abrupten und plötzlichen Wandel, der mir zu schnell abgehandelt wurde. Pauline Keller hat während der Handlung bereits bewiesen, dass sie dies gut schildern kann - wieso also hier nicht? Insgesamt bin ich aber mit der Lösung einverstanden, auch wenn ich mir mehr Ausarbeitung gewünscht hätte.

Fazit:


Die Luft da oben erzählt eine wunderbare Geschichte von einer jungen Erwachsenen, die auf Umwegen lernen muss, was es bedeutet, sich selbst kennen zu lernen. Ein sicherlich alltägliches Thema, das viele beschäftigt, wird hier ohne Melodramatik oder Tragik, sondern ganz realitätsnah an den Leser herangeführt und regt zum Nachdenken an. Mit teilweise etwas langen Passagen und einem abrupten Ende ist das Buch dennoch empfehlenswert für all diejenigen, die sich für die Thematik interessieren.



Genre-Wertung:


Gesamt-Wertung:


Pauline Keller!

Kommentare:

  1. Das Cover ist niedlich, ich mag Giraffen!^^
    Inhaltlich spricht es mich leider nicht an, das klingt ziemlich langweilig. So spannungsloses Alltagszeug ist nicht so mein Fall. Meine Schwester steht total auf sowas, ich hab das nie verstanden. :D

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    1. Haha :D
      Verstehe ich auch, das Buch ist spricht schon einen spezielleren Geschmack an :)

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  2. Das Cover gefällt mir, aber das Thema interessiert mich nicht soo sehr. Beziehungsweise eigentlich schon, aber alle Bücher die ich bis jetzt dazu gelesen habe, waren eher langweilig und eintönig, deshalb lasse ich die Finger von sowas. :)
    glg, Nicca von kosmeticca.blogspot.com

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