{Märchenmontag} Der Wolf und die sieben Geißlein | Motive und Parallelen

Als die Mutter das Haus verlässt, ermahnt sie ihre sieben Geißlein, dass sie sich vor dem Wolf hüten müsse. Zwar erkennen sie ein paar Male die List des Wolfes, sich als Mutter auszugeben, doch dieser schafft es dennoch, sie zu überlisten. Als die Geißlein den Wolf erkennen, verstecken sie sich alle im Haus, doch der Wolf findet und frisst eines nach dem anderen - nur den jüngsten im Uhrenkasten nicht. 
Verzweifelt sucht die Mutter direkt nach ihrer Ankunft nach ihren Geißlein, bis sie schließlich auf den Uhrenkasten stößt. Zusammen finden sie den Wolf schlafend unter einem Baum. Sie schneiden ihm den Bauch auf, die kleinen Kinder springen heraus und stattdessen füllen sie Steine in den Magen. Als der Wolf wieder aufwacht, beugt er sich wegen Durst vor den Brunnen - und fällt hinein. (nachzulesen: klick!)

Ich glaube, dass jeder die Geschichte kennt. Ich bin bei der Recherche allerdings auf ein paar sehr interessante Ansätze gestoßen, die ich euch gerne vorstellen möchte.


Die Motive


1. Die Motive aus der Kronos-Mythologie

Diese Parallele habe ich wohl mit Abstand am häufigsten gefunden, denn augenscheinlich ist man sich mittlerweile recht sicher. In der griechischen Mythologie ist Kronos der Anführer der Titanen und Vater von Zeus. Er nahm seine Schwester Rhea zur Gattin und gebar mit ihr die Götter Hestia, Demeter, Hades, Hera, Poseidon und Zeus. Aus Angst entmachtet zu werden, so wie er es selbst einst seinem Vater angetan hatte, verschlang er jedes seiner Kinder - nur Zeus blieb verschont, denn Rhea versteckte diesen in einer Höhle in Kreta, und gab Kronos einen in eine Windel gepackten Stein zum Fraß.


Zeus wurde von einer Ziege ('Geiß') Amaltheia gestillt und konnte in Ruhe aufwachsen. Später gelang es ihm, seinen Vater mit List und Gewalt zu überwinden, sodass er seine Kinder wieder ausspuckte.
Mehr Infos zu Kronos: Link

2. Der Wolf

Der Wolf kommt ja, wie ich bereits bei Rotkäppchen beschrieben habe, als ein recht häufiger Antagonist in Märchen vor. In dieser Geschichte erklärt es sich vermutlich daraus, dass es der natürliche Feind der Ziegen ist.
Generell symbolisiert der Wolf in Märchen meistens die Gefahr, die menschliche Angst vor dem Tod.  Dass dieser nun getötet wird, kommt dem Besiegen des Todes gleich (Ein Motiv, das man übrigens auch oft in Religionen findet) - mehr noch. Die bereits tot geglaubten Kinder scheinen fast aus dem Tod wieder auszutreten, es scheint wie eine Wiedergeburt. Der Tod wird durch das Leben getötet.(Nachzulesen: link)

Einige schlaue Köpfe, z.B. Sigmund Freud, schreiben dem Wolf die Vaterrolle in dem Werk zu. Unter anderem auch wegen der Kronos-Parallele. Freud beschreibt aber auch noch einen ödipalen Grund und sieht darin die Angst eines Jungen, von seinem Vater verschlungen zu werden. (Siehe hier)

3. Die Stimme der Mutter

Die Stimme der Mutter ist ein wichtiger Teil Indikator für die Geißlein, an der sie die Mutter erkennen können. Der Wolf muss erst seine Stimme verstellen, damit die Kinder ihm die Tür aufmachen. 
Das Ganze erinnert an einen Abschnitt der Bibel:
"Dem tut der Türhüter auf, und die Schafe hören seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie aus. Und wenn er seine Schafe hat ausgelassen, geht er vor ihnen hin, und die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme." (Quelle: link)

4. Der Brunnen

Der Tod im Brunnen ist ein ebenfalls in der Bibel vorkommendes Motiv. Zum Beispiel wird Josef von seinen Brüdern in den Brunnen geworfen (Siehe hier), wo es auch als Platz für den Tod gedacht war.
Der tiefe Fall generell erinnert stark an den Gedanken des Abgrundes oder des Untergrunds, der Hölle bzw. der Unterwelt, aus der der Wolf nicht mehr herauskommen kann. (Nachzulesen: link)

Die Parallelen


1. Mythologie und Religion

Wie bereits geschildert gibt es zahlreiche Parallelen zur Kronos-Mythologie, genauso wie auch zur Bibel. Man kann eine Parallele zu der Auferstehung Jesu sehen. Nicht nur, dass er oft als Hirte bezeichnet wird, sondern auch, weil er ebenso den Tod besiegt hat. Ebenso der Glaube, dass der Teufel 'in den Abgrund' (siehe hier) geworfen wurde, kann man als Parallele ansehen.

2. Das gehorsame Zicklein

Das gehorsame Zicklein ist eine Fabel von Phaedrus, die im Grunde genommen die einfachste Version des Märchens erzählt:
"Auf die Weisungen der Eltern zu hören dient den Kindern zum Wohl,
wie die folgende Fabel lehrt.

Als die Ziege trächtig war und zur Weide gehen wollte, warnte sie ihr unerfahrenes Zicklein, jemandem aufzumachen; denn sie wusste, dass viele Raubtiere um die Ställe der Haustiere herumschlichen. So mahnte sie und verließ das Haus. Da erschien der Wolf, und während er die Stimme der Mutter nachahmte, forderte er das Zicklein auf zu öffnen. Das Zicklein guckte durch die Spalten und sagte: "Die Stimme der Mutter höre ich wohl; doch du bist hinterlistig und böse, und unter dem Vorwand der Stimme der Mutter möchtest du mein Blut trinken und mein Fleisch fressen."

So lebt vorsichtig, wer auf Mahnungen hört."
(Quelle: link)

3. Andere Märchen

Besonders auffällig ist vermutlich das ähnliche Schicksal des Wolfes aus Rotkäppchen. Das liegt allerdings daran, dass sich die Brüder Grimm das Ende aus dem Wolf und die sieben Geißlein entlehnt hatten. In Charles Perraults ursprünglicher Fassung wird das Rotkäppchen schließlich einfach gegessen und Ende.
Weniger offensichtlich und dennoch herausragend ist das englische Märchen der drei kleinen Schweinchen. Auf der englischen Wikipedia-Seite kann man lesen, dass in der ursprünglichen Fassung die ersten beiden Schweine vom Wolf gefressen wird, das dritte jedoch durch List den Wolf auffrisst. Ja, ernsthaft - ich habe auch erst mal stutzig reagiert.
Die moralische Deutung scheint daher recht ähnlich: Man muss sein Haus schützen und darf sich nicht überlisten lassen.
Auch hier wird der Tod besiegt, oder bildlich: "Der Wolf, der das Ferkel fressen will, wird schließlich vom Ferkel gefressen." (Quelle: link)



Bitte glaubt nicht, dass ich von allem, was ich hier aufgeschrieben habe, vollends überzeugt bin. Ich habe nur zusammengetragen, was ich in den angegebenen Quellen gefunden und für interessant gehalten habe ;)

Meine Frage an euch:

Ist euch etwas davon bekannt gewesen?
Wie findet ihr diese Grausamkeit in (Kinder-)Märchen?


Kommentare:

  1. Sehr gute Gedanken dazu. Vielen Dank :)
    Ich wusste um die Parallelen noch nicht. Hier und da wird mal gesagt "Kinder empfinden die Märchen nicht als grausam", aber ich glaube, dass das nicht ganz stimmt. Wer mal einen Blick in die Trauma-therapie geworfen hat, der findet so etwas wie einen "Schmerzkörper". Das wird zwar teilweise esoterisch, aber ich kann absolut akzeptieren, dass Gewalt und Trauma ein größeres gesellschaftliches Phänomen ist als wir gemeinhin denken. Wie wäre es mal mit einem japanischen Märchen, liebe Emile?

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    1. Hallo Michael,

      Ich empfinde die Märchen erst dann als grausam, wenn man bereits ein Bewusstsein für solche Morde bzw. Grausamkeiten hat und das haben die meisten Kinder noch nicht. Ich kann daher verstehen, wenn Erwachsene die Märchen grausam finden. Es ist schwer, das einzuschätzen - als Kind habe ich schnell Angst vor Märchen bekommen, während andere die regelrecht verschlangen ;)
      Ich arbeite schon an Recherchen für asiatische Märchen! Vielen Dank für den Vorschlag :)

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  2. Huhu,

    von diesem Märchen scheint es also keine "Urversion" zu geben oder eine zuerst niedergeschriebene Version?
    Der Ursprung aus der griechischen Mythologie ist interessant, aber mich würde interessieren, wie dann aus den Göttern Geißlein wurden und überhaupt interessiert mich bei der antiken Mythologie, wie die eigentlich entstanden ist.

    Und ich frage mich, wieso man dieses Märchen eigentlich mit Ziegen und nicht mit Schafen gestrickt hat, denn Ziegen gelten ja ähnlich wie Esel als störrisch und eigenwillig (vgl. Tischlein, deck dich), während Schafe als sehr sanfte, folgsame Tiere gelten, wobei manchmal auch als dumm und naiv. Hmm, gibt es überhaupt Märchen mit Schafen? *grübel*

    Liebe Grüße
    Shirley

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    1. Also, ich weiß es nicht 100%ig, aber auf eine literarische Urversion bin ich nicht gestoßen. Das liegt aber auch daran, dass man generell wenige Infos zu diesem Märchen findet!
      Maßgeblich soll es wohl von einer Sage inspiriert worden sein, die damals in Pommern erzählt wurde: dass ein Gespenst ein Kind mitsamt Steinen gefressen hat und die Steine so schwer waren, dass er wieder auf die Erde hinabgesunken ist. Dann konnte das Kind wieder "rausspringen".... Fand ich aber weniger interessant.
      Das mit den Zicklein (wie das Märchen häufig vor der Festschreibung der Grimms genannt wurde) ist sicher Zufall - vllt. gab es in der Region, aus der das Märchen herkommt, mehr Ziegen als Schafe? :D
      Dass es aus der Kronos-Mythologie entstanden ist, stimmt so auch nicht, es ist wohl eher als "Zufall" zu verstehen bzw. zeigt wie sich Erzählstrukturen bei Mythen/Sagen/Märchen wiederholen :)

      Liebe Grüße!

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