Eiskaffeeklatsch - Bücher als Freundesersatz? Über Identifikation, Kommunikation und Gefühle




"Einsamkeit ist eine Reisende, gekommen aus unbekannten Gründen, unerwartet und still, wandelnd durch leere Gassen, hereingebeten nur von jenen, die allein sind, bleibend nur dort, wo sie erwünscht ist."
( Kernstaub, Kapitel 4) 

Ich glaube jeder kennt diese Momente im Leben, in denen man sich unverstanden und einsam fühlt. Es ist meistens einer der Momente, in denen man sich fragt: wieso gerade jetzt? Obwohl dieser Gedanke wohl irreführend ist. Das bittere Gefühl der Einsamkeit beschränkt sich nicht auf Situationen. Es ist immer blöd.
Ich mache kein Geheimnis draus, dass ich nicht viele Freunde habe, dass ich nie viele Freunde hatte. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Freunde sehr. Aber ich gehöre einfach zu jener Art von Mensch, der gerne alleine ist. Ja, ich würde sogar behaupten, dass ich lieber alleine bin als unter Menschen. 
Es ist aber etwas anderes, wenn man sich einsam fühlt. Wenn man das Gefühl hat, dass es niemanden gibt, zu dem man kann. Wenn man das Gefühl hat, zum Alleinsein gezwungen und verdammt zu sein.

 Sommer bedeutet Spaß, frische Luft und Sonne. Es ist eine Zeit, in der die meisten Menschen verreisen und erleben, in der das Gefühl der Freiheit nahezu unbeschränkt erscheint. Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, war ich mehrere Monate über im Krankenhaus. Der Kontrast zwischen den verreistem Kindern und mir als 'Gefangene' traf mich mit voller Härte. Dort fehlten mir meine Freunde so sehr, dass ich angefangen hatte zu lesen. Ich mochte einfach den Gedanken, dass da jemand war, dem ich zuhören konnte. 

Viele Bücherwürmer lesen ja gerne, weil sie gerne träumen. Sie reisen in andere, ferne Welten und erleben Dinge, entfliehen dem Alltag zumindest für wenige Stunden. Ich aber lese auch gerne, um in die entgegengesetzte Richtung zu ghen: näher. Näher zu mir selbst. 
Gerade in Momenten, in denen ich mich unheimlich einsam fühle. Wenn mich das Gefühl plagt, dass mich sowieso keiner aus meinem Bekanntenkreis versteht. Dann greife ich zu Büchern, bei denen der Protagonist mir das Gefühl gibt: Ich bin wie du. 

Ich konnte mich damals aus unerklärlichen Gründen mit Momo identifizieren, vielleicht weil meine Freunde immer gerne auf mich zukommen, wenn sie jemanden zum Reden brauchen. Mittlerweile sind es aber auch ganz andere Personen, zum Beispiel Oskar und sein Großvater aus Extrem laut und unglaublich nah

Ein gutes Buch ist wie ein Gespräch mit einem anderen Menschen. Es will erzählen. Und gehört werden. Schließlich sind Bücher auch nur von Menschen geschrieben, die wollten, dass jemand die Worte liest. Indirekt hört man immer auch dem Autoren zu. 

 Daher kann ich ganz offen sagen, ohne dass es traurig klingen soll: für mich ist das Lesen von Büchern ähnlich wie ein menschlicher Kontakt. Sie lösen in mir ebenso Emotionen aus, sie geben mir Rat und sie 'erzählen'. 
Sie ersetzen meine Freunde zwar nicht, aber sie ergänzen sie. Wenn ich mich mal alleine fühle, hilft es mir immer, in Geschichten andere Figuren kennenzulernen. 

Seht ihr in (manchen) Büchern auch einen Gesprächspartner?
Mit welchen Figuren könnt ihr euch identifizieren?


Kommentare:

  1. Hallo liebe Emilie! :-)

    Deine Texte machen mich einfach immer wieder auf's Neue glücklich. So zum Beispiel deine Rezension zu "Das Licht von Aurora". Deine Meinung zu Büchern sidne infach super hilfreich und begründet.
    Aber nun zu deinem aktuellen Beitrag. Gerade in Bezug auf die Anzahl von Freunden bin ich dir wohl relativ ähnlich. Denn auch ich kann meine wahren Freunde an zwei Händen abzählen. Doch da habe ich lieber eine handvoll Freunde, auf die ich mich hundertprozentig verlassen kann, als "Freunde", bei denen Vertrauen nur als Schein existiert.
    Und auch ich bin gerne alleine. Somit habe ich zu Büchern und verschiedenen Protagonisten einen ganz ähnlichen Bezug wie du. Gerade der letzte Abschnitt deines Textes ist so gelungen.
    Identifizieren kann ich mich zum Beispiel vor allem mit Anne Shirley aus "Anne auf Green Gables" oder Maggie aus "Tintenherz".
    Wie sieht das bei dir aus?

    Liebste Grüße,
    Franzi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Huhu Franzi,

      Deine Kommentare machen mich auch immer wieder glücklich :D Ich danke dir, meine Liebe!
      Ehrlich gesagt bin ich echt erleichtert, dass es dir so geht wie mir. Ich dachte schon, dass ich mich als totaler Freak oute ;)
      Anne von Green Gables mochte ich als Kind auch sehr! Und ich finde immer noch, dass es eine sehr süße Geschichte ist. Und Tintenherz ja sowieso. Mittlerweile ist in meiner Art auch ein Steppenwolf zu erkennen, wobei das eher an Hesses tollem Schreibstil liegt als an mir ;)
      Liebe Grüße
      Emilie

      Löschen
  2. Danke für den schönen Post :)
    Erkenne mich in so mancher Zeile selbst wieder!
    Danke, Meike

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Emilie,

    was für ein toller und berührender Post! Ich kann dich so gut verstehen, denn mir geht es oft sehr ähnlich. Das soll nicht heißen, dass ich nicht gerne mit anderen zusammen bin, ganz im Gegenteil. Durch das Studium habe ich gemerkt, wie schön es sein kann, Freunde um sich zu haben, die ähnlich ticken wie ich.

    Doch genauso wichtig ist es mir auch, Zeit für mich zu haben. Zeit, um die persönlichen Gedanken zu ordnen und über das Erlebte zu reflektieren. Zeit, um zu sich selbst zu finden. Und natürlich Zeit, um sich in Bücherwelten zu verlieren.

    Dort findet man sicheren Trost und Beistand, wenn im wahren Leben einmal nicht alles nach Plan verläuft. Man kann sicher sein, dass man sich auf diese Personen verlassen kann, dass sie einem nicht einfach im Stich lassen. Lesen ist einfach so viel mehr als ein bloßes Registrieren von aneinandergereihten Buchstaben und Wörtern. Buchfiguren werden zu engen Freunden, zu einer inneren Stimme im Kopf. Und ich finde, wir sollten stolz darauf sein, dass wir so empfinden können. Andere mögen mit einem unverständlichen Kopfschütteln darauf reagieren, aber dafür werden sie auch nie in der Lage sein, eine so enge Verbindung zu Büchern aufzubauen.

    Liebste Grüße,
    Sana

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Was studierst du denn, Sana? :)
      Ich bin wirklich froh darüber, dass du so denkst und es mir hier mitgeteilt hast. Ich war nämlich wirklich unsicher ob ich den Post überhaupt veröffentlichen wollte, aus Angst, dass alle sagen: "Hä, die tickt doch nicht mehr ganz richtig!"
      Dass es offensichtlich nicht nur mir so geht beruhigt mich total. Und du hast Recht: es ist ein Geschenk, dass man sich so in den Büchern verlieren kann und kein Laster.

      Alles Liebe,
      Emilie

      Löschen
    2. Sprach- und Literaturwissenschaften :) Das ist echt ein schönes Gefühl, wenn man Leute trifft, die auch so gerne lesen. In der Schule wurde man immer blöd von der Seite angesehen, wenn man z.B. in der Pause ein Buch aufgeschlagen hat - war zumindest bei mir so^^

      Löschen
    3. Oh, sowas in der Richtung hätte ich mir ja denken können! ^^ wirklich sehr interessant, ich dachte auch daran, das zu studieren.
      Bei mir in der Schule wurde ich nie doof angeguckt oser so. Bei uns gabs echt viele, die viel gelesen haben! Aber wir waren sowieso eher eine Freak-Gesellschaft dort, wir hatten viele Turniersportler, Musiker, Mathegenies usw. Also ich war auch ein Frekak unter Freaks :D

      Löschen
    4. Was wirst du denn studieren? :)
      Ach das find ich ja cool :D

      Löschen
    5. Ich studiere jetzt erst einmal Geisteswissenschaften mit Schwerpunkt Philosophie und versuche irgendwann Musik zu studieren :D bereite mich gerade auf die Prüfung und das Vorspiel vor!

      Löschen
    6. Dann drücke ich dir auf jeden Fall ganz fest die Daumen, dass du dir deinen Traum erfüllen kannst :)

      Löschen
  4. Hallo Emilie,

    du sprichst mir aus der Seele. Oftmals fühle ich mich nur von Büchern verstanden, weil dort genau die Emotionen behandelt werden, die mich auch bewegen. Wenn alles scheiße ist, geben sie mir Hoffnung, weil die Geschichte der Hauptfigur zeigt, dass es auch wieder besser wird und das Glück nur ein paar Augenblicke entfernt ist. Das kann niemand sonst für mich tun, weil Menschen darauf aus sind, mir SOFORT ein besseres Gefühl zu geben. Das funktioniert in der Regel nicht. Dadurch empfinde ich zwar eine gewisse Dankbarkeit, weil ich weiß, dass der Person etwas an mir liegt, aber tatsächlich geholfen hat es mir nicht. Bücher hingegen lehren mich, geduldig zu sein und das Leben so zu nehmen wie es kommt. Darauf zu vertrauen, dass sich früher oder später alles zum Besseren wenden wird. Deswegen ziehe ich mich lieber erst mal in Bücher zurück, wenn es mir nicht gut geht, als ein Gespräch mit Freunden zu führen. Das mache ich lieber, wenn ich mich wieder stabil fühle, im Nachhinein. Ich mache meine Probleme lieber mit mir selbst und meinen Büchern aus. Und es fühlt sich gut an, dass ich da anscheinend nicht die einzige bin. :)

    Viele liebe Grüße,
    Elli

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich mache das auch immer so: ich vergrabe mich mit Büchern in meinem Zimmer, bis es mir wieder gut geht und dann wundern sich meine Freunde immer, wieso ich nicht zu ihnen komme, wenns mir schlecht geht :D
      Die bittere Wahrheit ist aber, dass ich einfach unerträglich bin wenn ich schlechte Laune habe und damit Menschen nicht unnötig belasten will ;)

      Liebe Grüße!

      Löschen
  5. Hallo liebe Emilie,

    ein ganz toller Beitrag von dir! Den muss ich mir merken und in meinem nächsten Monatsrückblick verlinken.
    Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, weil ich auch nicht so der Typ für viele Freunde bin. Ich bin eher der ruhige Typ und geh nicht gern in Discos oder auf Partys oder shoppen oder so. Da ich aber gleichzeitig auch nicht so viel rede, ist es dann immer schwierig was mit mir zu machen :D

    Wie auch immer, zurück zu den Büchern. Bei mir ist es gar nicht mal so, dass ich dann gezielt Bücher lese wo ich mich mit den Protagonisten identifizieren kann. Das Lesen an sich hilft mir einfach nicht einsam zu sein, also bin ich dann vielleicht doch eher der ersten Kategorie zugehörig.
    Dennoch gibt es tatsächlich ein Buch, wo ich mich so gut in die Protagonistin fühlen kann, dass es fast schon erschreckend ist. "Nie genug" von Melanie Hinz. Die Protagonistin Emma hat kein Selbstwertgefühl, stopft viel zu viel Schokolade in sich hinein und schreibt Erotikbestseller. Letzteres mache ich zwar nicht, aber ansonsten trifft da erstaunlich viel auf mich zu :D

    Liebe Grüße
    Julia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich war noch nie in einer Disco und ich glaube ich habe da nichfs verpasst :) ich bin auch ein ruhiger Mensch und bei Diskussionen halte ich auch immer meine Klappe, ich sammle meine Argumente lieber bei Büchern oder so.
      Natürlich lese ich auch gerne andere Bücher, in denen die Protagonisten ganz anders sind. Aber für mich ist das dann meistens einfache Ablenkung und gibt mir nicht dieses Gefühl, dass da jemand war/ist, der mich versteht.
      Das Buch, das du erwähnst, habe ich nicht gelesen. Aber die Mischung klingt sehr interessant :D

      Liebe Grüße

      Löschen
  6. Hi!

    Das hast du wirklich wunderschön geschrieben und ich hab mich zwischen deinen Zeilen auch wiedererkannt! Gerade Momo weckt bei mir auch viele Kindheitserinnerungen.
    In Protagonisten wiedererkennen - immer nur zum Teil, aber gerade das finde ich auch schön. Vor allem sitzen dahinter ja auch Autoren, die diese Gefühle oder Situationen kennen; das heißt, ich bin damit nicht alleine :)

    Liebste Grüße, Aleshanee

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Huhu!
      Gänzlich kann ich mich auch nicht mit jemanden identifizieren. Aber dadurch, dass es so viele tolle Bücher gibt, kann ich mir selbst aussuchen, über was ich gerade nachdenken will! Ich fühl mich damit einfach sehr wohl und gerade das, was du erwähnst: dass da ein Autor ist, der sich über etwas Gedanken gemacht hat, was mich auch beschäftigt :)

      Liebe Grüße

      Löschen
  7. Ich weiß was du meinst, wenn du sagst, du bist lieber allein als unter Menschen; mir geht es da oft ganz ähnlich. Ich könnte mich nie (außerhalb der Schule) jeden oder jeden zweiten Tag mit meinen Freunden treffen und ständig was zusammen unternehmen, EGAL wie sehr ich meine Freunde mag und ich mag sie wirklich SEHR. Dazu hab ich gestern auf Weheartit etwas SO Passendes gelesen: The problem with being introverted is that there is no polite way to say “I love you, but I’m tired of being with you right now.” Es kommt immer total unhöflich rüber, wenn ich jemandem versuche zu vermitteln dass ich heute nichts gemeinsam machen möchte ... aber so bin ich eben. Ich bin nicht der Viele-Leute- oder Party-Typ und habe (daher?) auch nicht so unglaublich viele Freunde wie manch andere, dabei bin ich gar nicht so verschlossen oder zurückhaltend wie das jetzt klingt. Am Ende des Tages muss ich Zeit für mich haben, und das versteht selbst meine engste Freundin nicht so ganz.

    Das ging jetzt ein bisschen am Thema des Posts vorbei, aber das wollte ich dir jetzt da lassen :D
    Alles Liebe und einen schönen Abend wünsche ich dir,
    Sandra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Meinetwegen darfst du auch über Enten und Flugzeuge reden, irgendwie schaffst du es sowieso inmer irgendwas gehaltvolles in deine Kommis zu packen :D
      Ich find das Zitat toll, denn das ist so eine Sache, die es mir echt immer sehr schwer im Alltag macht... Ich mache nur ein bis zweimal etwas mit meinen Freunden. Sie haben Verständnis dafür, weil ich ja auch täglich üben muss usw. Aber irgendwie fühle ich mich nedes Mal aufs Neue blöd wenn ich jemandem sagen muss: "nö heute keinen Bock!"
      Mittlerweile, wenn ich andere kennenlerne, bringe ich das meistens früh schon zur Sprache. Dann fällt es den meisten einfacher sich darauf einzustellen.
      In meinem konkreten Fall kommen Jungs auch irgendwie besser mit der Introversion klar. Die Mädchen in meinem Umfeld waren alle sehr schnell verletzt wenn ich ihnen so regelmäßig abgesagt habe, da waren die männlichen Kollegen "pflegeleichter" :D Ich hab nur eine weibliche Freundin, was aber auch daran liegt, dass man mich für Frauenthemen so gar nicht begeistern kann ^^.

      Löschen
  8. Hey Emilie

    Ich habe deinen Post erst jetzt entdeckt und habe alles mal durchgelesen. Mich plagt die Frage oft, ob ich mich einsam fühle, gerade WEIL ich wenige Freunde habe oder ob ich es selbst bin. Oder besser gesagt, mich hat diese Frage immer beschäftigt.

    Seit einigen Monaten und vorallem nach meiner Reise nach Neuseeland und Südostasian (da war ich ja von meinen Freunden auch getrennt) kann ich aber sagen: das Gefühl der Einsamkeit kommt von Innen! Ob du viele oder wenige Freunde hast, spielt dabei keine Rolle. DU entscheidest, wie du dich fühlst. Klar, wenn du mehr Freunde hast, kannst du vielleicht jeden Abend raus gehen, du kannst dich ablenken, du kannst mit jemandem reden: das macht es aber nicht immer leichter. Und Ablenkung ist nicht gleich Heilung.

    Wenn ich mich einsam fühle, dann liegt es nicht daran, dass ich irgendwo draussen mit Menschen sein könnte. Es liegt an mir selbst, irgendwas in mir gefällt mir nicht und lässt mich einsam fühlen. Eigentlich ist mein Punkt folgender (ansonsten schweife ich völlig aus!): du hast vollkommen recht. Auch ich greife, wenn ich einsam bin, zu Büchern. Bücher sind auch meine Freunde, Bücher können mich glücklich oder traurig machen. Bücher verstehen mich manchmal mehr, als irgendwer auf der Welt. Und deswegen mag ich sie so gerne. Sie möchten einfach gelesen werden :-).

    Schönes WE
    Andrea

    AntwortenLöschen