[Rezension] Teufelsgrinsen


Annelie Wendeberg || Teufelsgrinsen || KiWi Verlag || 240 Seiten || 14,99 € || ISBN: 978-3-462-04643-4

Zusammenfassung:


London, Ende des 19. Jahrhunderts. Anna Kronberg lebt in einer Zeit, in der nur Männer an der Universität erlaubt sind. Doch lässt sich ihre Intelligenz dadurch nicht unterdrücken. Als Dr. Anton Kronberg getarnt wird sie zu einem angesehenen Arzt, Epidemiologen und Dozenten, die sich auch nicht davor scheut, die Armen zu behandeln. Als ein Cholera-Opfer in der Themse entdeckt wird, wird sie von der Polizei hinzugezogen und findet heraus, dass der Mann mit Absicht infiziert wurde. 
Doch nicht nur sie, sondern auch Sherlock Holmes wird zu Rate gezogen, der Annas Geheimnis sofort bemerkt.
Beide arbeiten zusammen, um herauszufinden, wie es zu diesem Tod gekommen sein konnte. Denn die Polizei interessiert sich herzlich wenig für diesen Fall. Auf was für kriminelle Machenschaften die beiden dabei allerdings stoßen werden, ist ihnen zunächst nicht bewusst.

Cover:


Das Cover zeigt Anna Kronberg im Vordergrund, sowie ein Bild von London im Hintergrund. Ganz nett wird das, wenn man die beiden Folgebände in Betracht zieht, da sie alle das Layout gemeinsam haben. Nur die Hintergrundfarbe sorgt für Abwechslung. Das Bild von London wirkt alt, ausgewaschen und passt damit in die viktorianische Atmosphäre des Inhalts.
Insgesamt finde ich das Cover durchschnittlich schön, man hätte meiner Meinung nach noch mehr herausholen können. Aber es spiegelt den Inhalt vorbildlich wider. 
Ich finde übrigens den Namen überaus klug gewählt. Teufelsgrinsen klingt verdammt spannend und nach kurzer Recherche hat sich auch ergeben, dass dies ein typisches Symptom bei Tetanus-Opfern ist. Bedingt durch die Muskelkrämpfe im Gesicht entsteht ein Grinsen, das nicht mehr gelöst werden kann. (Quelle: Wikipedia)

Ein viktorianisches Erlebnis


Teufelsgrinsen ist mit 240 Seiten verteilt auf 23 Kapitel eher den kurzen Leseerlebnissen zuzuordnen und ist auch dementsprechend schnell gelesen. Inhaltlich stützt sich das Buch ganz schön auf Sherlock Holmes, was mich anfangs sehr skeptisch gemacht hat. Insgesamt wird für mein Empfinden ein bisschen zu viel mit berühmten Namen um sich geworfen. Auf dem Klappentext springt einem der Name des berühmten Detektivs förmlich entgegen und auch auf der Verlagsseite wird mit einer Verschwörung geworben, "die so monströs ist, dass sie die Taten von Jack the Ripper in den Schatten stellt ..."  (Quelle: Link)
Das soll mich aber nicht weiter stören, denn die Story ist auch unabhängig von dem Auftritt berühmter Personen sehr souverän, spannend und braucht, wie ich finde, gar nicht den Push.
Einerseits ist da die sehr starke Protagonistin Anna Kronberg, die wirklich sehr gut ausgearbeitet ist. Anna ist fortschrittlich, idealistisch und wirkt nicht nur keck und schlagfertig, sondern auch sehr warmherzig. Nicht jeder wird mit ihrer arroganten Art zurecht kommen, allerdings wirkt das insgesamt stimmig. Jeder hat Schwächen, und ihrer ist eben ihre (als gerechtfertigt dargestellte) Arroganz. Andernfalls wäre sie mir auch zu glatt geschliffen.
 Auch die Probleme, die sich durch das Verkleiden herauskristallisieren, werden ziemlich gut eingefangen. Eine feste Identität, Partnerschaft und Weiblichkeit fehlen ihr.  Und trotzdem bereut sie ihren Weg nicht, denn sie scheint für den Beruf als Arzt wie gemacht. Es ist oft schwierig talentierte Protagonisten auf dem Boden zu halten. Oft wirken sie einfach nur übertrieben. Hier ist es aber noch wirklich im Rahmen. Besonders durch Sherlock Holmes wird sie etwas gebremst.
Andererseits ist der Fall, der hier behandelt wird, sehr spannend.
Wendeberg kombiniert die fiktionalen Teile von den Sherlock Holmes Geschichten ziemlich gut mit den damals real gegebenen Tatsachen und der Geschichte von Anna Kronberg. Wendeberg ist ursprünglich Mikrobiologin und kennt sich daher bestens mit Tetanus, Cholera und co. aus. Die Thematik der Menschenversuche und des Leichendiebstahls sind zudem verdammt grotesk und bietet daher viel Denk- und Diskussionsstoff. Das passt natürlich auch wunderbar in das Zeitalter, in der die Mikrobiologie gerade in den Kinderschuhen steckte. Die Recherchen scheinen gut fundiert, auch wenn ich mich nur oberflächlich darüber informiert habe. Man muss übrigens keine Angst haben, dass das Buch zu fachwissenschaftlich wird. Auch ohne Recherche versteht man alles ohne Probleme.
Das viktorianische London wird daher natürlich nicht romantisiert. Anna Kronberg selbst lebt in dem Armenviertel Londons. Kranke und hungernde Menschen, Gestank, Gewalt, all das wird hier beschrieben. Aber auch die Sezierungen, die Anna vollführt, sind nicht ohne.
Die Spannung baut sich ziemlich gut auf, was bei dieser Kürze auch keine große Kunst ist. Dafür wird an vielen Teilen doch etwas an Details gespart. Ich schätze, man wollte sich Stoff für die Folgebände aufbewahren, von daher ist das an und für sich nichts negatives. Man merkt, dass dies ein Debut-Roman ist, denn auch der Schreibstil ist noch recht unausgereift und hat auch keinen Wiedererkennungswert. Das finde ich aber durchaus charmant.
Ab und zu scheinen einige Szenen überflüssig oder zumindest für den Fall nicht relevant. Mich hat die Szene zwischen Anna und Watson ein wenig gestört, in der sie ihn als ziemlich dumm darstellt. Diese Szene ist eben nur dafür da, um Annas sowieso schon offenkundige Intelligenz zu betonen.

Zu Sherlock Holmes muss ich sagen, dass ich positiv überrascht war. Er war nicht nur von den Beschreibungen, sondern auch von seiner Art erstaunlich gut getroffen. Es ist definitiv eine der besseren SH-Adaptionen. Dennoch gibt es ein Problem: Die Interaktion mit Anna, die eher gestellt wirkt. Die romantischen Gefühle, die Anna ihm gegenüber hegt, hätten für meinen Geschmack auch nicht sein müssen. Aber das ist nur Geschmackssache.


Fazit:


Teufelsgrinsen ist sicherlich kein handwerklich perfektes Buch, und trotz einiger Schwächen finde ich Teufelsgrinsen gelungen. Das Gesamtbild war sehr stimmig. Angefangen bei Anna als weibliche Epidemiologin über die organisierte Kriminalität der anderen Ärzte bis hin zu den fundierten historischen/literarischen Bezügen. Ob die Rolle von Holmes wirklich nötig gewesen wäre, müssen Fans von ihm selbst entscheiden. Ich persönlich fand ihn gut dargestellt, er hätte allerdings auch weg bleiben können.
Ich werde die Folgebänder jedenfalls ebenfalls lesen :)




Kommentare:

  1. Huhu! :)
    Ich kann mich nicht entschließen, wie ich dieses Buch finde.
    Einerseits fasziniert mich London im 18. Jahrhundert sehr, auf der anderen Seite langweilen mich Krimis zu Tode. Einerseits finde ich Sherlock toll, andererseits stört mich sein Erscheinen in diesem Buch und ich frage mich, ob das wirklich sein muss oder ob das nur die Verkaufszahlen hochdrücken soll.

    Achtung, ich habe jetzt viele Fragen! :D
    Mich würde noch genauer interessieren wie das mit dieser Frau-verkleidet-sich-als-Mann-Geschichte umgesetzt ist. Ist das glaubhaft dargestellt? Wie stark wird das thematisiert und inwiefern? Außerdem ist Anna Kronberg anscheinend Deutsche oder Skandinavierin dem Namen nach und damals waren Fremdsprachen nicht so leicht zu lernen wie heute (vor allem für Frauen), wird eine Sprachproblematik thematisiert, erklärt woher sie so gut Englisch kann oder wird das völlig ignoriert?
    Bei dem Titel kommt mir die Frage auf, ob Tetanus auch im Buch vorkommt? Denn du erwähnst ja nur Cholera im Text, wenn ich nichts übersehen habe.^^ Sollte Tetanus vorkommen, is der Titel wirklich gut gewählt, sollte es aber nur um Cholera gehen, finde ich ihn eher ziemlich weit vorbeigeschossen. ^__^"
    Und: Ist das Buch allgemein eher ein Krimi oder eher ein Thriller?

    Ich bin hin- und hergerissen. Vielleicht treibe ich mir mal ne Leseprobe auf! :)

    Liebe Grüße
    Shirley ♥

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    1. Huhu!
      Ich beantworte dir natürlich sehr gerne deine Fragen. Ich freue mich, dass da überhaupt jemand Interesse zeigt :D
      Also Thriller-Elemente sind eigentlich gar nicht vorhanden, aber wie so ein klassischer Krimi wirkt es eigentlich auch nicht. Es hat, wenn du mich fragst, mehr was vom historischen Roman. Vor allem durch diese Bakterien-Geschichten und der Thematik des Falls. Aber klar, es zählt ganz klar zu einem Krimi dazu, schließlich geht es da ja auch um einen Fall, der gelöst wird.
      Anna ist Deutsche, und du bist echt ein Sherlock ;)
      Ich erinnere mich daran, dass an einigen Stellen ihr eindeutig deutscher Akzent erwähnt wird. Lass mich lügen, aber wenn ich mich recht erinnere, dann hat Anna auch bereits in Deutschland als Anton Medizin studiert. Vielleicht lässt sich daher das Englisch erklären, aber so genau hab ich das nicht mehr im Kopf... ^__^''
      Diese Verkleidungs-Sache ist schwierig als glaubhaft zu definieren, insgesamt ist mir daran aber echt nichts negatives aufgefallen. Anna hat kurz geschnittene Haare, zieht sich immer Mantel und Schal an, bindet sich die Brust ab und hat einen "Pimmel an Strapsen" (Ja, so steht es wirklich im Buch!) und wohnt ja mitunter in den Slums, weil man dort identitätslos ist. Wesentlich auffallender fand ich zum Beispiel ihre inneren Konflikte mit sich selbst. Zum Beispiel, dass sie sich als Mann zu weiblich fühlt und als Frau zu männlich. Oder auch ihre Liebelei mit einem Straßenräuber, die ihr Kopfschmerzen bereitet, da sie ihm nicht alles anvertrauen und auch nicht heiraten kann. Das ganze nimmt daher schon recht viel des Buchs ein - aber ich fand die Szenen zum überwiegenden Teil gut gewählt.
      Mit Cholera fängt der ganze Fall an, aber im späteren Verlauf geht es eher um Bakterien an sich, die zu dieser Zeit Epidemien verursacht haben. Das Symptom 'Teufelsgrinsen' wird in einer Szene auch explizit genannt, als Anna in einer Vorlesung ein Opfer mit den Studenten seziert.
      Aber wie gesagt, ich finde den Schreibstil doch noch ziemlich roh und zu viel darfst du dann auch echt nicht erwarten. Gerade das mit den Verkaufszahlen hatte ich auch im Kopf, vor allem als ich das mit Jack the Ripper auch noch gelesen hatte! Allerdings kann da die Autorin ja auch nicht wirklich etwas dafür.. Aber gut, dass du mich darauf ansprichst, denn anscheinend habe ich vergessen zu erwähnen, dass Anna als Sherlock Holmes intellektuell ebenbürtig dargestellt werden soll. Ich betone 'soll', weil das an einigen Stellen viel zu emotional wird und sich daher schneller zu verrennen scheint als Sherlock. Das ist aber wohl auch gewollt, um einen Kontrast aufzubauen....
      Joa und sonst noch Fragen? :D

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