[Classics] 5 Theorien, was hinter dem Zauberer von Oz stecken könnte


Wann immer ich mich mit Märchen auseinandersetze, lese ich nur zu gerne Interpretationstheorien, die dem "normalen Leser" verborgen bleiben. Dabei gibt es allzu viele Gründe. Manche Theorien ergeben wirklich Sinn und bereichern das Wissen. Andere sind einfach nur richtig schöne Unterhaltungstheorien. Wahrscheinlich wird mir keiner glauben, dass ich in einem Sachbuch zur Psychoanalyse gelesen habe, dass der goldene Ball vom Froschkönig in der Urversion ein "goldener Phallus" gewesen sei. Aber darum soll es heute ja auch gar nicht gehen.
Ich habe euch 5 politische, religiöse und psychologische Theorien von dem Klassiker Der Zauberer von Oz zusammengestellt. 


1. Allegorie zur politischen Lage der USA vor 1900


Die mit Abstand am meisten von mir gelesene Theorie besagt, dass der Zauberer von Oz allegorische Züge zu dem politischen Verhältnis von der USA vor dem zwanzigsten Jahrhundert darstellen soll. Häufig werden dabei folgende Beispiele genannt: 

1. Dorothy repräsentiert mit ihrer warmherzigen Art die US-amerikanische Bevölkerung
2. Ihre Freunde stellen jeweils eine bestimmte Bevölkerungsgruppe dar (Blechmann = Industrie; Vogelscheuche = Farmer, Löwe = Reformer) 
3. Die böse Osthexe symbolisiert den finanziellen Einfluss der Ostküste. Zur damaligen Zeit befanden sich nämlich dort besonders viele mächtige Wirtschaftskreise, insbesondere Banken.
4. Der Zauberer von Oz symbolisiert ebenfalls die politischen und wirtschaftlichen Mächte innerhalb der USA. Dass er eigentlich nur ein "Betrüger" ist, lässt deuten, dass man die eigentliche Macht in den Bürgern Amerikas zu suchen habe. 
Oz selbst ist bis heute schließlich die Abkürzung für "Ounces", der Maßeinheit, womit man Gold wiegt. Das Grün der Smaragdstadt steht daher auch für den Dollar.

Zurückzuführen ist diese Theorie auf einen Geschichtslehrer, der seinen Unterricht interessanter gestalten wollte und somit Parallelen zu dem Werk suchte. Seitdem ist diese Theorie sehr stark umstritten worden.


2. Religiöse Aussage


Ebenfalls oft gelesen habe ich die Idee, dass das Werk religiöse Züge beteuern soll. 
Neben dem Christentum, der in dem Buch auch vorkommt, wird dem Buch auch die Erleuchtung des Buddhismus nachgesagt. Dies ist insbesondere dadurch der Fall, dass man davon ausgehen kann, dass Frank Lyman Baum mit der buddhistischen Religion vertraut war.
Besonderes Augenmerk fällt dabei auf den gelben Ziegelsteinweg als Weg der Erleuchtung. Er ist der Weg zu Oz, dem Zauberer, der ihnen ihre sehnlichsten Wünsche erfüllen soll. In diesem Kontext kann man schon von einer Metapher für das Nirvana reden. Während des Weges begegnen ihnen viele Versuchungen, die sie alle ablehnen. Und gleichzeitig müssen sie Abenteuer trotzen um ihre Erleuchtung zu erhalten. Als sie allerdings bemerken, dass der Zauberer nur ein Betrüger ist, wird ihnen klar, dass sie sich durch ihre Reise die eigene Erleuchtung erschlossen haben. 
Der achtfache Weg aus der buddhistischen Lehre soll hierbei besonders deutlich werden. (Die drei Gruppen: Weisheit, Sittlichkeit und Vertiefung werden von dem Blechmann, der Vogelscheuche und dem Löwen repräsentiert)


3. Atheistische Aussage



Ironischerweise kann man dem Buch (ja, sogar bei genau den gleichen Stellen) genauso eine atheistische Absicht zusprechen. Dass der Zauberer a.k.a. Gott eben nur ein Betrüger sei und somit gar kein Gott existiere und damit all das spirituelle Drumherum nur auf blöden Tricks basiere. 
Dass Dorothy und ihre Freunde diesen Möchtegern-Gott auch gar nicht brauchen, kann man in Folge dessen so interpretieren: Wir sind unser eigener Gott. Und genau aus dieser Argumentation haben streng christliche um 1900 bereits versucht, dieses Buch zu verbieten.
1986 entschied ein Gericht in Greeneville, Tennessee, sogar, dass fundamentalistische Christen in der Schule nicht zum Lesen des Werkes gezwungen werden dürfen, da es antichristlich sei. Zum einen beschreibe es gute Hexen, zum anderen, weil Attribute wie Intelligenz und Mut nicht als gottgegeben dargestellt werden.


4. Feministische Bewegung


Wann immer man eine starke Protagonistin in einem Buch findet, sind die Feministen nicht weit entfernt. Im Grunde genommen ist dies auch bei diesem Buch gar nicht abwegig, wenn man bedenkt, dass die mächtigsten Personen, die Hexen, alle weiblich sind. Und auch Dorothy ist nicht die dumme, naive Frauengestalt, die man sonst so aus Büchern kennt. Sie ist gutmütig, tapfer und unheimlich klug.
Auch interessant ist, dass gerade den männlichen Figuren diese Attribute fehlen. (Dem Blechmann das Herz, dem Löwen der Mut, die Vogelscheuche die Weisheit)
Diese Theorie wird vor allem dadurch gestützt, dass Baums Schwiegermutter niemand anderes war als Matilda Joslyn Gage war - eine Frauenrechtlerin, die sich auch für Abolitionismus einsetzte.


5. C.G. Jungs Analytische Psychologie


In der Theorie der von Jung entwickelten analytischen Psychologie gibt es ebenfalls einige Parallelen zu den Figuren aus dem Werk Oz. 
Diese zu erklären würde den Rahmen sprengen, jedoch kann man auf einen wichtigen Begriff nicht verzichten: der Animus und die Anima. Wer für dieses Modell interessiert, kann hier oder hier (englisch) nachlesen. Grob zusammengefasst interessiert uns bei Dorothy nur ihr Animus: Eine Ansammlung verschiedener männlicher Attribute im Unbewussten einer Frau. Diese Attribute erscheinen in Träumen als männliche Figuren.
Im Zusammenhang mit Dorothy, die gerade eine Reise zur Selbstfindung macht, lassen sich die verschiedenen Phasen ihres Animus in ihren Freunden wiederfinden. Der Löwe vertritt die physische Kraft, der Blechmann die Romantik und die Vogelscheuche die Weisheit. Die vierte Phase als Wegweiser zu sich selbst wird durch den Zauberer Oz selbst verkörpert. 
 Auch ein Teil der menschlichen Psyche sind laut Jung die Schatten, unbewusste oder verleugnete Teile der Persönlichkeit, weil sie dem Ich gegenüberstehen. Oder anders gesagt, die bösen Seiten einer Persönlichkeit. Diese werden in dem Werk durch die bösen Hexen und den fliegenden Affen darestellt.





Frank Lyman Baum hat selbst beteuert, dass er dieses Buch ohne allegorischen Hintergrund geschrieben hätte. Dennoch wurde es trotz all dieser Theorien, besonders aufgrund der religiösen und politischen, heftig kritisiert.
Obwohl ich es auch interessant finde, die Parallelen zwischen solchen Sachen zu finden, finde ich, dass Geeneville ein bisschen überreagiert hat. Was sagt ihr? :D


Kommentare:

  1. Ich glaube auch, man kann in jedem Werk irgendwelche politischen oder andere thematischen Züge wiederfinden, wenn man unbedingt möchte :D. Obwohl mir einige Ansätze ganz gut gefallen, denke ich ist Frank L. Baum wirklich nicht so scharf auf unterschwellige Botschaften gewesen :D. Ich habe erst neulich gelesen, dass selbst das Land "Oz" nur den Namen bekommen hat, weil er ganz spontan auf seine geordnetet, abgelegten Aktenordner geschaut hat und dort eben die Kategorisierun O-Z draufstand :D. Ich finde es aber trotzdem interessant wie Menschen daran festhalten, dass bestimmte Werke etwas bestimmtes vermitteln sollen :).

    Liebe Grüße,
    Karin von book-up-your-life.blogspot.de

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    1. Ich finde es immer unheimlich interessant, was Leute so in diese Dinge reininterpretieren :D
      Nicht unbedingt, weil ich es glauben mag oder will, aber sie werfen einfach noch einmal ein anderes Licht auf die Bilder, die man sonst so im Kopf hat und das ist einfach ein nettes Gedankenexperiment.
      Das mit dem Namen von Oz habe ich auch schon mal irgendwo gelesen.

      Liebste Grüße!

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  2. Huhu liebe Emilie <3

    das ist ja mal ein interessantes Thema, wirklich sehr cool. Ich habe mir über derartige Theorien bisher nie so wirklich Gedanken gemacht, um so faszinierender war dein Beitrag, danke dafür.

    Dein Blog ist so schön, das muss ich jetzt einfach mal loswerden.

    Liebe Grüße, Ally

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    1. Oh, danke liebe Ally! <3

      Wie gesagt, eigentlich darf man das gar nicht allzu für wahr halten, aber es ist dennoch interessant, weil man einfach mal ein altbekanntes Werk aus einer anderen Sicht sieht. Deswegen finde ich sowas auch immer total faszinierend.

      liebe Grüße,
      Emilie

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  3. Hallo Emilie,

    wirklich ein toller Beitrag, sehr interessant. :) Ich liebe den riesigen Interpretationsspielraum, den Märchen bieten.
    Ich glaube Frank Lyman Baum, dass er keine Allegorien im Hinterkopf hatte, als er das Buch schrieb. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass auch er seinem Unterbewusstsein nicht entkommen konnte und deswegen unbewusst das eine oder andere einarbeitete. Welche Interpretation nun zutrifft, könnte uns daher wohl nur sein unbewusstes Ich verraten. ;)

    Natürlich hat das Gericht in Geeneville völlig überreagiert. Aus unserer Sicht. Doch für mich ist das so gesehen keine Überraschung, weil in den USA seit Jahren immer wieder Bücher aus den verschiedensten Gründen verboten werden. Das liegt viel daran, dass es dem normalen US-Bürger möglich ist, Bücher, die er/sie für bedenklich hält, anzuzeigen. In den Jahren 2000-2009 waren das laut der ALA (American Library Association) 5.099 Anzeigen.
    2013 waren unter den Top 10 u.a. auch diese Bücher: "The Hunger Games" von Suzanne Collins, "Looking for Alaska" von John Green und "The Perks of Being A Wallflower" von Stephen Chbosky. Angeblich sind alle diese Bücher unpassend für die angegebene Altersgruppe.
    Falls dich das Thema Indizierung und Verbot von Büchern weitergehend interessiert, schau doch mal hier vorbei:

    https://wortmagieblog.wordpress.com/2014/09/23/23-09-2014-banned-books-week-2014/

    Es wundert mich also nicht, dass es auch bei "Der Zauberer von Oz" ein paar feinfühlige Amerikaner gab (und ganz bestimmt immer noch gibt), die das Buch verboten sehen wollten. So läuft das da drüben nun mal, so schade das ist. Umso wichtiger ist die Arbeit der ALA, die genau darauf aufmerksam machen wollen.

    Viele liebe Grüße,
    Elli vom wortmagieblog

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    1. Huhu Elli!

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich wollte diesen Sonntag so und so über dieses Thema, das du hier ansprichst, einen Bericht schreiben. Denn ich sehe es genau so wie du.
      Ich finde, dass Amerika natürlich eine sehr herausragende Rolle bei dieser Diskussion annimmt. Aber auch auf Deutschland, oder generell gesehen ist diese Frage ja wirklich eine gesetzliche Grauzone:
      Wo ist die Grenze? Ab wann ist ein Verbot wirklich gerechtfertigt? Wann wird es von der Meinungsfreiheit geschützt?
      Wenn du Lust hast, schau doch einfach am Sonntag zum Kaffeeklatsch vorbei, da werde ich ein wenig ausführlicher darüber labern :)

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  4. Liebe Emilie,

    vielen Dank für die Sammlung an möglichen Theorien! Das finde ich nicht nur interessant, du hast mir richtig Lust auf ein Re-Read von "Der Zauberer von OZ" gemacht <3

    Ich denke, wenn man eine gewisse Einstellung hat, kann man vieles hereininterpretieren oder so auslegen, weil man dafür eher emfänglich ist. Deswegen gibt es auch ja viele verschiedene Theorien und eben nicht nur eine. Andere dagegen lesen nur die Geschichte und urteilen, ob sie einem gefallen hat oder nicht ;)

    Liebste Grüße,
    Kasia

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    1. Huhu!
      Der Knackpunkt ist, dass man alles zu Symbolen uminterpretieren kann. Gerade bei Märchen, die ja sowieso mit einer ziemlich großen Bildsprache arbeiten. Ich will ja auch keine Stellung beziehen, weil ich Baum glaube, dass er keinen allegorischen Hintergrund eingearbeitet hat.
      Aber es ist ja auch nicht so wichtig, was der Autor von uns wollte, was wir darin sehen., Sondern was wir selbst darin sehen können :)

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