[Classics] Der Zauberer von Oz im Wunderland


Der Vormarsch der Phantastik begann im 19. Jahrhundert, als die Romantik die Klassik ablöste und sowohl in der bildenen Kunst, als auch in Musik und Literatur das Märchen- und Sehnsuchtsmotiv aufstieg.
Mit dem Zauberer von Oz (1900) wollte Baum ganz bewusst ein modernes Märchen schreiben. Denn obschon die Märchen, die ja aus der Zeit der Romantik entsprungen sind, ihm gefallen haben - der Stil war nicht mehr zeitgemäß.

Und auch bevor das Buch überhaupt veröffentlicht wurde, wurde es bereits von Baums Familie mit Alice im Wunderland verglichen. Bis heute tut man dies in der Literaturwissenschaft auch noch. Einen ganz groben Vergleich habe ich hier für euch:




Der Zauberer von Oz ist im Jahre 1900 erschienen und wurde von dem amerikanischen Schriftsteller Lyman Frank Baum geschrieben. Die Erzählung lässt sich in das Genre Kinderbuch oder Märchen einordnen. Die 191 Seiten sind auf 24 Kapitel aufgeteilt.*
Alice im Wunderland hingegen ist schon 1865 vom britischen Schriftsteller Lewis Carroll verfasst worden und ist ebenso ein Kinderbuch, jedoch gilt es eher als Nonsens-Literatur. Mit den 12 Kapiteln auf 157 Seiten* ist es nur ein bisschen kürzer als der Zauberer von Oz.

*entspricht den jeweiligen Ausgaben vom Anaconda Verlag



Dies ist vermutlich einer der offensichtlichsten Ähnlichkeiten der beiden Geschichten. Beide Mädchen sind von ihrem Alltag gelangweilt und wünschen sich in ihrem Umfeld mehr Aufregung und Spaß. Sowohl Dorothy als auch Alice sind zu diesem Zeitpunkt noch unter der Aufsicht einer älteren Person: einmal Alice's Schwester, und einmal Onkel & Tante. Ebenso bildet in beiden Geschichten das Einschlafen eine inhaltliche Zäsur: Dorothy schläft auf dem Haus ein, während Alice nach dem Erwachen den weißen Hasen sieht.  Sowohl die Reise in das Land von Oz als auch der Fall in den Kaninchenbau dauert ungewöhnlich lange und bildet damit den Übergang zur phantastischen Komponente in den Handlungen.





Beide Protagonisten scheinen Kinder im jüngeren Alter zu sein, obwohl nie genau genannt wird, wie alt sie tatsächlich sind. Außerdem scheinen beide gebildet - Bei Alice als bürgerliches Kind ist dies offensichtlich. Dorothy allerdings erzählt auch einmal von ihrem Lehrer, was darauf zurück schließen lässt. 
Der offensichtlichste Unterschied ist vermutlich, dass Alice eine Engländerin und Dorothy eine Amerikanerin ist. Dorothy scheint, wie gesagt, von einer anderen sozialen Umgebung geprägt zu sein, während Alice vom sozialen Status her über ihr steht. Dies merkt man auch an ihren Haltungen. Während Alice stets bemüht ist, ihre Manieren und ihren sozialen Status zu überdenken und froh ist, nicht in einem so kleinen Haus zu wohnen, scheint Dorothy dies gar nicht zu kümmern. 
Obwohl beide in eine irreale Welt einzutreten scheinen, verhalten sie sich in dieser Situation anders. Allein schon die Tatsache, dass Dorothy immer weiß, wohin es für sie geht, zeigt den roten Faden im Buch an. Von der ersten bis zur letzten Sekunde wird ihr immer gesagt, wo sie das findet, wonach sie sucht. Dies ist vielleicht auch einer der Gründe, wieso sie sich mit den Einwohnern des fremden Landes so gut versteht und sich mit ihnen anfreundet.
Alice hingegen streunt mehr oder weniger alleine und ziellos durch das Wunderland. Ihr wird nie gesagt, wo sie ist - es scheint willkürlich, wen sie trifft. 




Das Land, das Dorothy entdeckt, ist fast schon eine Utopie: Eine Welt, in der man nicht altert. Sehr deutlich zeigt das Buch natürlich, dass manche Dinge, die man sich wünscht, bereits in einem stecken oder von uns selbst erarbeitet werden können. Dinge, die uns auch sonst kein anderer geben könnte.
Außerdem lassen sich relativ klar die Eigenschaften von einem (Kunst-)Märchen auf das Werk projizieren. Sehr stark wird die Eindimensionalität der Welt deutlich: Trotz der Entwicklung der Protagonisten gibt es keinen inneren Wandel in dem Sinne. Es ist von Anfang an klar, wer gut oder böse ist. Baum hat dies sogar durch die konträre Gegenüberstellung der Hexen deutlich gemacht: Süß- und Nordhexe sind beide gut, Ost- und Westhexen böse.

Dieses Schwarz-Weiß gibt es in Alice im Wunderland nicht in dem Ausmaß, höchstens sei die Herzkönigin zu nennen (die im Grunde genommen auch nur eine satirische Figur zur korrupten viktorianischen Judikative darstellt). Allerdings ist, wie bereits gesagt, auch keine klare Richtung in dem Buch zu erkennen. Es ist eben ein Nonsens-Buch und dementsprechend wird auch oft die Realität aus den Augen verloren. Alice selbst scheint sich verloren zu haben und muss sich selbst wieder finden: 

" 'Wer bist denn du?' fragte die Raupe. (...) 'Ich - ich bin mir nicht sicher.'" (S. 54)*

Oft wird in dem Buch das Sich-Verlieren, die Surrealität und das Verwischen der Grenze zwischen Wahr und Falsch thematisiert. Ein weiteres Merkmal von Alice im Wunderland ist die Satire, die darin versteckt ist. Wenn euch das Thema interessiert könnt ihr mal hier vorbeischauen (englisch): klick!

Interessant ist folgende Passage, die ich selbst noch nicht kannte und erst beim Recherchieren entdeckt habe:

Im ersten Buch von Alice finden sich folgende Zeilen:

'Really, now you ask me,' said Alice, very much confused, 'I don't think--' 
'Then you shouldn't talk,' said the Hatter.

Und in the marvelous land of Oz:

"This should be a warning to you never to think," returned the Scarecrow, severely. "For unless one can think wisely it is better to remain a dummy -- which you most certainly are."

(Quelle: Klick!)


Wenn man die beiden Werke vergleicht, kann man schon auf die Idee kommen, dass Baum Carrolls Buch als eine Art Inspiration aufgefasst hatte. Ich würde aber niemals behaupten, dass es irgendwie geklaut oder in irgendeiner Weise kopiert ist. Denn mit der Zauberer von Oz hat er wirklich eine ganz eigene, faszinierende Welt aufgebaut. Ich liebe beide Geschichten jedenfalls gleichermaßen. (Wäre Alice im Wunderland nur nicht bereits so durchgekaut! TT___TT)

Habt ihr einen Favoriten?
Was mögt ihr so sehr an Alice im Wunderland oder dem Zauberer von Oz?
Allen einen schönen Mittwoch :)

Kommentare:

  1. Sehr schöner Vergleich! Aber ich bin vorher überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, dass man da eine "Kopie" unterstellen würde, weil ich genauso finde, wie du gesagt hast: Der Zauberer von Oz hat eine ganz eigene Welt! Natürlich gibt es Ähnlichkeiten, aber die sind ja in beinahe jedem Literarischen Werk zu finden, weil sich Inspirationen nun einmal auch gegenseitigf stützen und sich helfen zu entwickeln :).
    Ich mag beide Geschichten sehr! Alice im Wunderland ist einfach eine Pflicht-Mög-Lektüre :D [Sry für die Worterfindung] da meine Schwester Alice heißt und es nicht anders geht :D.
    Und den Zauberer von Oz mag ich so gern, weil das Buch unheimlich viel vermittelt! Zum Beispiel die Tatsache, dass alle Figuren etwas begehren, was sie allerdings schon längst besitzen, es nur nicht sehen! :)

    Liebe Grüße,
    Karin von book-up-your-life.blogspot.de

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    1. Ah! P.s. Ich hab deine Beitrage ehrlich vermisst! :D

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    2. Ach danke, Karin <3<3<3
      Ich bin auch verdammt froh, wieder aktiver sein zu können!
      Das am Ende habe ich vor allem aufgegriffen, weil es mal früher durch die Münder gegangen ist. Wobei heutzutage dies nicht mehr so stark thematisiert wird, weil man sie mittlerweile als sehr selbstständig akzeptiert hat. Was du sagst ist sowas von richtig - Inspiration heißt noch lange nicht Klau!

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