[Rezension] Die Frau auf der Treppe

Bild © Diogenes Verlag

Autor: Bernhard Schlink
Titel: Die Frau auf der Treppe
Originaltitel: -
Seiten: 256 Seiten
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3-257-06909-9
Preis: 21.90 €
Zusammenfassung:
Ein längst verschollen geglaubtes Gemälde namens "Die Frau auf der Treppe" taucht eines Tages wieder auf. An diesem Gemälde hängen viele Erinnerungen, besonders dem Protagonisten, der vor langer Zeit in einem Rechtsstreit bezüglich des Bildes als Anwalt involviert war. Er hatte sich damals in die Frau auf der Treppe verliebt und macht sich auf die Suche nach ihr, die damals mitsamt dem Gemälde verschwunden ist. Er sucht nicht nur nach ihr, sondern auch nach Fragen, die er immer unterdrückt hat.





Cover

Ich glaube, ich habe schon einmal erwähnt, dass ich es immer schwierig finde, auf Diogenes-Cover einzugehen. Aber hier fällt es mir erstaunlich einfach. Das Bild zeigt eine Bucht, genau wie im Buch eine zu finden ist. Es ist ein ruhiges Buch, und genau das strahlt dieses Cover aus. Und wenn ihr mich fragt, merkt man auch, dass es ein eher melancholisches Buch ist.

Ein ruhiges Buch über verpasste Chancen

Bernhard Schlinks Schreibstil ist für mich persönlich einfach unschlagbar. Hochwertig, geradlinig, präzise und auf eine sehr subtile Weise berührend. Ja, ich würde sogar so weit gehen, dass er aus meiner Sicht einer der (technisch-stilistisch) besten Autoren der modernen Literatur ist. Und auch in diesem Buch stellt er dies wieder unter Beweis.
Bei aller Liebe zu ihm, so hat er doch einen entschiedenen Nachteil gegenüber anderen Autoren. Bei seinem Namen muss man unweigerlich an das Buch Der Vorleser denken. Jenem grandiosen Buch, das mich damals zu Tränen gerührt und dessen Sätze mir so viel Nachdenk-Stoff gegeben hat. Leider kann man seine hohen Erwartungen einfach nicht ablegen und deswegen bin ich von diesem Buch etwas enttäuscht.
Aber zunächst einmal zur Geschichte. Der Ich-Erzähler, dessen Name man nicht erfährt, ist frisch gelernter Rechtsanwalt, als er einen Fall in die Hände gelegt bekommt, den er sein Leben lang nicht vergessen wird. Schwind, der Künstler des Werkes, um das es sich dreht, gerät in einen Streit mit Grundlach, dem derzeitigen Besitzer des Gemäldes. Er klagt an, dass Grundlach sein Bild mit Absicht zerstören würde. Die Frau auf dem Bild ist Irene, seine Noch-Frau und gleichzeitig Schwinds jetzige Partnerin. Und wenn das nicht genug wäre, verliebt auch der Anwalt sich in sie.
Gerade als sie einen Plan schmieden, gemeinsam zu flüchten, verschwindet sie mitsamt dem Bild. 
40 Jahre später taucht das Bild plötzlich wieder auf.
Ab diesem Zeitpunkt verliert das Buch auch jede Glaubhaftigkeit bei mir. Nicht nur, dass das Gemälde auf der anderen Seite der Welt wieder auftaucht, sondern auch, dass alle drei Geliebten sich auf die Suche nach Irene machen und sich dort alle auf einer einsamen Bucht wiedertreffen. Obwohl das Buch nur 256 Seiten hat, ist es doch etwas langatmig, oder ruhig. Es ist kein typisches Unterhaltungsbuch in dem Sinne. Aber dafür gibt es umso mehr zum Nachdenken.
Typisch für Schlink lässt er den Leser mit Vermutungen alleine stehen. Das ist sowohl Schwäche als auch Stärke des Buches. Aber wirklich schön sind die Gedanken, die er einem zuflüstert, die teils sehr philosophisch, teils sehr nachdenklich stimmen.
Sehr gebannt habe ich mitverfolgt, wie der Erzähler sich seiner Vergangenheit stellt. Dass er sein Leben durch das ganze Arbeiten verpasst habe, weil er Chancen nicht ergriffen hat. Und auch genau das hat ihn immer von Irene getrennt. Und das traurige daran ist, dass ihm auch nach der zweiten Begegnung keine Möglichkeit mehr bleibt, dies auszubessern. Manche Chancen bekommt man nur einmal im Leben und genau das möchte Schlink uns wohl mit diesem Buch vermitteln. Und gerade der schnörkelfreie Sprachstil macht das so berührend, so authentisch.

Fazit:

Das Buch ist sehr ruhig und voller schöner Lebensweisheiten, und darauf muss man sich einlassen können, wenn man zu Die Frau auf der Treppe greifen will. Ich glaube nicht, dass es jeden Geschmack trifft, denn es ist wirklich sehr kopflastig. Und auch ich bin etwas enttäuscht, weil es wesentlich bessere Bücher von Schlink gibt.
Trotzdem bin ich auf unbeschreibliche Art glücklich, dass ich das Buch gelesen habe. Es war trotz der Mankos ein schönes Erlebnis.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen