[Rezension] Der Vorleser


Bild © Diogenes-Verlag
Autor: Bernhard Schlink
Titel: Der Vorleser
Verlag: Diogenes Verlag
Erscheinungsdatum: 1995
ISBN: 978-3-257-22953-0













Verliebt in eine ältere.

Hanna ist 36 Jahre alt, als sich der gerade mal 15-jährige Michael Berg in sie verliebt. Einen Sommer lang treffen sie sich regelmäßig, er liest ihr aus einem Buch vor und danach haben sie Sex. Sie genießen die Zweisamkeit, bis Hanna eines Tages spurlos verschwindet. Viele Jahre später sehen sie sich wieder. Michael ist Jura-Student, als er sie als Angeklagte während eines KZ-Prozesses wiedererkennt. Ein Konflikt zwischen Liebe, Vergangenheit, Moral und Schuld nimmt ihren Lauf.



Das Cover:

Der Sinn bei Diogenes-Büchern über das Cover zu reden hält sich in Grenzen. Im Grunde genommen ist bei diesem Gehalt von Büchern auch selten eine richtig tolle Aufmache von Nöten, um gute Zahlen zu machen.
Das Bild, das sie ausgewählt haben, ist trotzdem treffend und schön, denn diese Straßenbahn ist einer der wichtigen Szenen des Buches. Die expressionistische Malweise passt zu den inneren Unruhen, die Michael das ganze Buch hinweg verfolgt.

Eine Geschichte zweier Liebender... 

...die sich nicht vergessen; ein politisches Problem und die damit einhergehende Überwindung von Vergangenheit; Generationskonflikte zwischen Kriegs- und Nachkriegsgeneration; ein tiefes Geheimnis, welches das ganze Leben verdirbt; das alles verbindet Bernhard Schlink in seinem Roman „der Vorleser“, welcher 1995 erstmals erschien.

Diese Vielfältigkeit des Buches bombardiert den Leser mit tausenden von Fragen. Zugegeben, als ich die ersten Kapitel gelesen habe, fragte ich mich nur „Was ist das für ein Buch?“ Lieblose Liebesszenen, surreale Träume und die detailreiche Beschreibung, wie sich der Protagonist übergibt, haben mich erst einmal stutzig werden lassen. Doch schon bald merkt man die Tiefe, die das Buch mit sich bringt. Wenn Hanna plötzlich anfängt, zu schreien und ihn zu schlagen, wenn sie ihn lieb danach fragt, ob er ihr vorlesen würde, wenn sie sich in Widersprüche verstrickt, dann bleibt immer die Frage: Warum?
Hin und hergerissen von richtig und falsch, grübelt man danach, was überhaupt richtig und falsch ist und ob es das überhaupt gibt. Es gibt Momente, bei denen man sich ganz sicher ist, bis etwas Neues enthüllt wird und man die Situation ganz neu betrachten muss. Ein Grund, weshalb das Buch spannend bleibt.
Neben den zentralen Problemen gibt es auch Stoff zum Nachdenken, der für die Handlung nicht weiter relevant ist. Michael gibt als Erzähler der Geschichte immer wieder Impulse, die zum Nachdenken anregen. Meistens ist der Leser auf sich alleine gestellt – eine eindeutige Antwort ist selten vorhanden. Die kurzen Kapitel lassen Zeit, sich darauf einzulassen, doch brauchte ich diese Pausen auch, denn man wird von so einer Tragik zurückgelassen, dass man manchmal gar nicht anders kann, als mit Michael zu trauern, wütend aufzuschreien oder zu verzweifeln.
Die trockene Kriegsproblematik wird durch die Emotionen Michaels aufgelockert. Sprachlich ist dieses Buch ein absolutes Meisterwerk. Ich habe selten ein Buch in den Händen gehabt, bei dem ich so sehr das Gefühl hatte, dass ein echter Mensch von seinen Gedanken erzählt. Authentisch konstruiert der Autor die Gedanken Michaels, sodass man das Gefühl hat, tief in die Gedanken eines Menschen einsehen und sie auch verstehen zu können. Immer wieder fragte ich mich, ob sich Schlink diese Geschichte wirklich ausdachte, oder ob er Parallelen zu seinem Leben zieht. Man fragt sich: Wer ist der Autor? Man glaubt Michael, oder viel eher Schlink?
Dieses Werk ist in seinen tausenden Facetten ein spannendes und berührendes Buch, das die Problematik des Nationalsozialismus auf ganz andere Art auffasst. Es ist weder eine kitschige Liebesgeschichte, noch ist es eine trockene Nachkriegsliteratur. Es hat von beidem etwas, und das macht es so schön.




 Fazit und Bewertung:

Ein wirkliches Meisterwerk, dass seinen Status als zeitgenössischer Klassiker wirklich verdient. Schlink hat die Latte sehr hoch gelegt, denn er verbindet so viele Dinge auf so wenig Seiten. Das Buch stellt daher auch keine leichte Berieselung dar. Man muss sich wirklich mit dem Buch auseinandersetzen und auch ein Interesse für die Thematik haben, um dieses Werk zu lieben.

Vor allem geisteswissenschaftlich interessierten würde ich dieses Werk empfehlen!




Kommentare:

  1. Das Buch muss ich bald in der Schule lesen und jetzt freue ich mich sogar darauf. Danke!

    Liebe Grüße
    Cellie

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    1. Ich wünsche dir viel Spaß dabei, Cellie :)
      Sag mir doch Bescheid, ob es dir genauso gut gefallen hat wie mir!

      liebe Grüße

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