[Rezension] Extrem Laut & Unglaublich Nah

Heute einmal eines meiner absoluten Lieblinge. Ich will es gar nicht zusammenfassen, denn dafür ist es viel zu schön. Aber soviel kann ich sagen: ein grandioses Meisterwerk, das mit Stimmung, Farben, unverbrauchtem Stoff und sehr vielen Emotionen den Leser zum Weinen bringt.

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Autor: Jonathan Safran Foer
Titel: Extrem laut & unglaublich nah
Originaltitel: Extremely loud & incredibly close
Verlag: Fischer Verlag
Seiten: 480
ISBN: 978-3596169221
Klappentext: 
"Oskar Schell ist altklug und naseweis, hochbegabt und phantasievoll. Eine kleine Nervensäge, die schon mit neun Jahren eine Visitenkarte vorweist, auf der er sich als Erfinder, Schmuckdesigner und Tamburinspieler ausweist. Vor allem aber ist Oskar todtraurig und tief verstört. Nachdem sein Vater beim Angriff auf das World Trade Center ums Leben kam, will er herausfinden, warum Thomas Schell sich ausgerechnet an diesem Tag dort aufhielt. Mit seinem Tamburin zieht Oskar durch New York und gerät in aberwitzige Abenteuer."






Das Cover:


Das Cover ist so einfach, so schlicht und so unspektakulär, dass es schon wieder total eindringlich wirkt. Eine einfache Silhouette einer Hand, wie man es aus Kindertagen kennt, wenn man die Umrisse seiner Hand auf das Papier malte. Es ist nicht "schön", aber es spiegelt den Inhalt des Buches ziemlich gut wieder und nimmt auch Bezug zu dem ziemlich einprägsamen Titel Extrem laut & unglaublich nah

Die Handlung:


Die Handlung lässt sich in zwei verschiedene Stränge einteilen. Hauptcharakter stellt hierbei der hochintelligente Oscar Schell dar, er verbringt den ganzen Tag damit, über alles mögliche zu grübeln. Weil er dadurch sehr viele Ängste vor der Außenwelt entwickelt, spielt sein Vater immer wieder ein Spiel mit ihm, in welchem er bestimmte Dinge im Central Park suchen muss, um diese Ängste zu überwinden.
Als dieser bei dem Anschlag auf das World Trade Center stirbt, ist Oskar gerade mal neun Jahre alt. Er findet einen Schlüssel in seinem Kleiderschrank und ist davon überzeugt, dass es das letzte Spiel ist, das sein Vater ihm hinterlassen hat. Einerseits getrieben von Neugier, andererseits getrieben von der Liebe zu seinem Vater, sucht er nach dem Schloss und trifft dabei auf alle möglichen Menschen, muss aber auch seine Ängste immer wieder überwinden.
Ein großer Halt für Oskar ist seine Großmutter, in welcher es im zweiten Handlungsstrang geht. Man erfährt von ihr und Oskars Großvater, es ist eine Geschichte des Lebens, der Trauer und des Leidens. Zu viel will ich aber nicht vorwegnehmen - denn das ist das spannendste an diesem Buch.


Wie lässt es sich in Worte fassen...

Mein erster Gedanke war: Was für ein seltsamer Name. Extrem laut und unglaublich nah - ähnliches habe ich noch nie gehört. Aber dazu später mehr. 
Dieses Buch hat mich tief berührt. Es handelt von Verlust und der Verarbeitung des Schmerzes, das ein Tod eines geliebten Menschen mit sich bringt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist geprägt von Witz und Spaß, aber auch von tiefer, tiefer Liebe. Dafür braucht es nicht viele Szenen, aber die Szenen, die da sind, zeigen es deutlich. Für Oskar gibt es niemanden, den er mehr liebt, als ihn.
Oskar ist nicht fähig, den plötzlichen Tod zu verstehen und sucht nach Lösungen, er sucht nach einer Möglichkeit, seinem Vater wieder näher zu kommen. Er ist entschlossen, das passende Schloss für den Schlüsse zu finden ung begibt sich auf eine wahnwitzige Reise. Er trifft die verschiedensten Menschen - Menschen voller Individualität - einer, der aufgrund eines Traumas nicht mehr reden kann, ein anderer, der schon seit zwanzig Jahren nichts mehr hört, eine Frau, die sich gerade von ihrem Mann trennt....
Während dieser Reise wird einem langsam klar, warum das Buch Extrem laut und unglaublich nah heißt. Denn das beschreibt genau das, was der kleine Oskar in dieser Metropole empfindet - er empfindet Angst, fühlt sich schnell überfordert und ist anfänglich nicht in der Lage, alltägliche Situationen zu meistern. Er kann nicht in die U-Bahn steigen, mit fremden Menschen kann er nicht reden und auch von hohen Gebäuden bekommt er Panik. Alles ist zu laut. Alles ist zu nah.
Um sein Ziel zu erreichen überwindet er sich aber und schafft es, seine größten Ängste zu bekämpfen - umso rührender ist es, ihn bei seiner Reise zu begleiten und ihm dabei beobachten zu können, wie er sich entwickelt. Allerdings ist es keine trockene, düstere Literatur. Foer schafft es, den kindlich-naiven Charakter Oskars auszunutzen und diese schwierige Thematik durch Witz und Charme aufzulockern. 
Die Geschichte der Großeltern will ich nicht aufgreifen - ich kann nur sagen: Einfach lesen! :)
Ich muss zugeben, dass ich die ersten 100 Seiten recht wenig verstanden habe. Ich hatte das Gefühl, dass nach jeder gelesenen Seite neue Fragen hinzukamen, die sich einfach nicht lösen wollten und es war keine Literatur, die man mal so nebenbei liest.  Allein schon der ständig wechselnde Handlungsstrang, das einen mitten ins Geschehen wirft und man eigentlich gar nicht weiß, worum es geht, ließ mich immer wieder im Dunkeln tappen.
Aber dies ist kein Nachteil, viel eher motivierte es mich, weiterzulesen. Gleichzeitig wird es aber nicht langarmig - Der Mix aus Witz, ständig wechselnden Handlungen, neuen Fragen und Emotionalität begleiten einen durch das ganze Buch hinweg. Foer gibt immer wieder Impulse, die einen zum Nachdenken bringen. Man beschäftigt sich mit dem Buch und man beschäftigt sich auch mit philosophischen und psychologischen Aspekten, denn oft tritt hier die Geschichte eher in den Hintergrund und die Darstellung der Situation an sich rückt in den Vordergrund.
Foer versteht es, den Menschen Gefühle nahezubringen. Er versteht es, seine lebendige und präzise Sprache so zu benutzen, dass es einfach nicht langweilig wird. Aber es ist nicht nur das. Immer wieder erscheinen im Buch Bilder, von denen im Buch bereits gesprochen wurde. Mal erscheinen große, bunte Buchstaben in allen möglichen Farben, mal einfach 10 Seiten, auf denen nur Zahlen stehen oder es sind zwei Seiten einfach ganz unbedruckt. Durch die Visualisierung gibt der Autor einem die Möglichkeit, die Gefühle der Charaktere auf eine ganz andere Art nachempfinden zu können, denn man kann die Bilder einfach auf sich einwirken lassen und somit hat der Titel noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Es ist für den Leser extrem laut, denn man muss immer wieder nachdenken, und es ist unglaublich nah, weil man einfach nur tief berührt ist. 


Fazit & Empfehlung:


Extrem laut & unglaublich nah ist wahrscheinlich für junge Personen schwieriger Stoff. (Und das soll jetzt nicht heißen, dass jüngere Leser das nicht lesen könnten) Nicht, weil es von der Sprache her so schwierig wäre, sondern einfach, weil man einen gewissen Überblick über alles haben muss. Man muss ein gewisses Gespür und auch ein Interesse für die Gedankengänge anderer Menschen haben, denn andernfalls wird das Buch sicherlich langarmig. Die Geschichte an sich fand ich zwar originell, aber nicht superduper spannend - viel spannender ist die Darstellung, das Package der Geschichte und die Gedanken der einzelnen Charaktere. 
Insgesamt überwiegen bei diesem Buch deutlich die positiven Aspekte und ich bin ein großer Fan von Foers Schreibstil, aber auch von der Idee und der Umsetzung. Die Geschichte macht einem so viele Dinge klar. Dass ein Junge noch so intelligent sein kann, emotional ist er doch noch nur ein Junge. Dass es so viele Schicksale gibt, die so tragisch und gleichzeitig einfach faszinierend sind. Wie es für andere ist, mit Verlusten umzugehen. Und so vieles mehr. Es bringt einem zum weinen, aber auch zum lachen, zum nachdenken, aber auch zum entspannen.


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