[Rezension] Die Tribute von Panem - Tödliche Spiele


Mit Die Tribute von Panem hat Collins wohl die Ära der Dystopien eröffnet, die sich mittlerweile verbreitet in den Buchläden finden. Und wie froh ich darüber bin!

Das Buch:


Bild © Oetinger Verlag
 
Autor: Suzanne Collins
Originaltitel: The Hunger Games
Verlag: Oetinger Verlag
ISBN: 978-3-7891-3218-6
Seiten: 416 Seiten
Erscheinungsjahr: 2009
Klappentext: "Als Katniss erfährt, dass das Los auf ihre kleine Schwester Prim gefallen ist, zögert sie keinen Moment. Um Prim zu schützen, meldet sie sich an ihrer Stelle für die alljährlichen Spiele von Panem - mit dem sicheren Wissen, damit ihr eigenes Todesurteil unterschrieben zu haben. Denn von 24 Kandidaten darf nur ein einziger überleben..."







Nach vielen Kriegen...

...und Naturkatastrophen entstand aus Nordamerika das Land Panem, das einst aus einer unerbittlichen Regierung im Kapitol und den 13 ärmeren Distrikten bestand. Jedes dieser Distrikte ist spezialisiert auf eine Güterware, die sie herstellen (Kohleabbau, Luxusgüter, etc.), wodurch sie abhängig vom Kapitol sind. Durch die immer größere Ausbeutung kam es schließlich zu Aufständen, die jedoch niedergeschlagen wurden. Dabei wurde Distrikt 13 komplett zerstört. Als Mahnung und Einschüchterung führte die Regierung die alljährlichen Hungerspiele ein - aus jedem Distrikt werden zwei Jugendliche ausgelost, die sich gegeneinander bis zum Tod bekämpfen. 
Katniss ist ein 16-jähriges Mädchen aus Distrikt 12 und ist der Hauptversorger für ihre Familie bestehend aus Mutter und kleiner Schwester. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen, oft reicht es nicht einmal, um satt zu werden. Als bei der Verlosung ihre kleine Schwester gezogen wird, meldet sie sich freiwillig an ihrer Stelle. Als Leser begleitet man sie durch den Kampf ums Überleben.

Rasantes Tempo, Pageturner, Versinken in die Welt...

All das bietet uns Collins mit ihrem Weltbestseller Die Tribute von Panem. Es liest sich tatsächlich aufgrund der extravaganten Art wie im Fluge. Das Konzept ist altbekannt - Menschen werden eingesperrt und müssen sich gegenseitig die Axt in den Schädel hauen - doch lässt sich innerhalb der Jugendliteratur selten eine gut erzählte und spannende postapokalyptische Dystopie auffinden. Trotz der klaren Zielgruppe verschönert Collins keine Brutalitäten, sondern schildert sie ganz offen und gibt damit nicht nur ganz klar authentische Atmosphäre wieder, sondern zeigt auch eine Art der Folgen eines Krieges und die menschliche Grausamkeit durchaus auf.
Wir als Leser erfahren viel vom Leben von Katniss, die uns gerne vom Elend in ihrem Leben erzählt und durch den ersten Teil des Buches erfährt man auch viel über das Kapitol. Als Tribut lebt Katniss nämlich eine Woche lang dort in Luxus, um zu trainieren, interviewt zu werden und Sponsoren zu sammeln. Später in der Arena ist dies überlebenswichtig, denn durch das Geld der Sponsoren kann sie Geschenke wie Medikamente, Nahrung oder ähnliches erhalten. Allein dies ist unheimlich spannend, man versinkt in die Welt und träumt sich hinein, was - bei aller Liebe zu diesem Genre - bei Dystopien eher selten der Fall ist (zumindest nicht so ausgeprägt!) Der Luxus, indem die Menschen dort leben, ist nahezu obszön, man ekelt sich beinahe schon vor diesem Konsum und vor deren Art, mit Menschenleben umzugehen. Die Tribute werden instrumentalisiert, sie dienen den Menschen aus dem Kapitol lediglich als Unterhaltungsobjekt. Und dafür wird auch getrickst, die Liebesgeschichte zwischen Katniss und Peter, der Junge aus Distrikt 12, und später auch die Manipulation der Umgebung - Feuer, wenn es nicht spannend genug wird, Trockenheit, um die Tribute zum See zu treiben. Das alles erinnert einen doch schon etwas an unsere Reality-Shows, in denen es nicht weniger schmutzig zugeht, Menschen ausgenutzt und instrumentalisiert werden. So utopisch ist es in diesem Sinne nicht, oder?
Die Spannung hält sich fast das ganze Buch über aufrecht, da in jedem Kapitel etwas neues passiert und man die Spiele durch die Augen von Katniss wahrnimmt. Seien es geladene Kampfszenen, seien es Überlebenskämpfe, eine Stelle sind sogar emotional so geladen, dass mir beinahe die Tränen herausgekullert wären. Die Seiten fliegen einem entgegen, es lässt sich wirklich leicht lesen, auch wenn es zwischendurch stark an Inhalt verliert - irgendwann ist es eben nur noch Gemetzel und überleben.
Wo wir auch schon zu den Stellen kommen, die mich ein wenig geärgert haben. Zunächst einmal die Charaktere, oder eher der Charakter - Katniss Everdeen. Ich weiß nicht, ob es an mir liegt, aber ich konnte bis zum Ende des Buches keine Sympathie zu ihr aufbauen. In Distrikt 12 begegnet sie dem Leser eher misanthropisch, pessimistisch und arrogant, und während man zu diesen Zeiten noch daran glaubt, dass sie einen inneren Wandel durchleben wird, habe ich es ungefähr bei Seite 300 aufgegeben, nach so etwas zu suchen. Bis zum Ende bleibt Katniss unterkühlt und berechnend. Bis zu einem gewissen Grad hat man Verständnis dafür, schließlich hat sie kein leichtes Leben und kämpft ums Überleben, aber gerade dies hat mich ein wenig geärgert, besonders, dass es ihr anscheinend so leicht fällt, eine Liebesgeschichte vorzutäuschen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Gefühlswelt etwas eindimensional geraten ist, ständig wägt sie nur ab: Hat das einen Nutzen? Kriege ich dafür auch etwas zurück? Hilft es mir beim Überleben? Wobei mich emotionale Tiefe bei anderen Nebencharakteren auch nicht gestört hätte, Peeta zum Beispiel, oder Rue.
Was mich ebenfalls etwas gehemmt hat, waren die Beschreibungen, die Collins liefert. In die Welt der Reichen und Armen und in die Handlungen der Zukunft konnte sie mich entführen, nicht jedoch in die Umgebung. Außer Regen, Wald und Fluss wird nämlich nicht viel mehr beschrieben. Ich kann mir nicht viel vorstellen, wenn ich die Augen schließe und mir das Distrikt 12 vorstelle - außer Armut. Aber wie sieht Armut aus? Wie riecht und schmeckt Armut? Und wie sieht das Kapitol aus?
Innerhalb der Story hat mich auch einiges gestört, denn viele Lösungen erschienen mir etwas plump. Das Ende (was ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen will) und auch die Lösung der Gesellschaftsfrage waren für mich etwas einfältig und unoriginell.
Was mich auch gleich zum letzten Kritikpunkt führt. Die Idee von Tödliche Spiele liefert Unmengen an Potenzial, Probleme der Gesellschaft auf spannende und umgängliche Art und Weise aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen - Instrumentalisierung einzelner Individuen, die Ausbeutung der Armen, Unterdrückung und Diktatur, die Lust auf immer mehr Spektakel und Sensation auf Kosten von anderen. Leider schafft Collins den Bogen nicht und lässt die kritischen Fragen außen vor, sodass es eher zu einer Aneinanderreihung verschiedener brutaler Szenen kommt, moralisch bleibt die Sache aber nahezu unberührt.


Fazit und Bewertung:

Die Geschichte zeichnet sich durch den nicht neuen, jedoch originell erzählten Inhalt, das rasante Erzähltempo und die allgegenwärtige Spannung aus. Einen Stern ziehe ich wegen der verspielten Möglichkeiten, der fehlende Tiefe des Settings und der Charaktere, die unberührte Kritik, ab, jedoch haben sie mir den Lesespaß nicht genommen. Es ist auf jeden Fall nachvollziehbar, dass dieses Buch einen solchen Erfolg feiert.
Insgesamt ein sehr schöner und gelungener Jugendroman, den ich für empfehlenswert erachte.





Kommentare:

  1. Ich hab mir diese Buchreihe vor einiger Zeit von Nachtfee geliehen und war vom ersten Band ganz begeistert. Ich kann mir übrigens alles sehr detailreich vorstellen, was im Buch nicht gesagt wird, erfinde ich mir dazu. Hatte da gar keine Schwierigkeiten und hab mich sehr gern in dieser Welt aufgehalten, daher bin ich überrascht, dass du da deine Probleme hattest.
    Das mit der emotionalen Tiefe stimmt, die ist etwas flach geraten. Angesichts der Situation, in der sich Katniss befindet, fand ich das aber völlig okay, ich wäre glaube ich genau so. Ich würde in der Situation einfach umswitchen und dann auch nur noch denken und Gefühle wegschalten, weil sie einen zu sehr vom Überleben ablenken.
    Ich fand allerdings diese Szene am Ende mit diesem Bestien, die wie die toten Tributen aussehen, völlig abgedroschen, zu scifi-mäßig und absolut unnötig, das hat mich wahnsinnig gestört...

    Ansonsten fand ich das Buch aber ganz toll. Sogar so toll, dass ich Band 2 und 3 nicht mehr gelesen habe. Ich hab mir dazu die Inhaltsangabe durchgelesen und hatte Angst, das würde mir den ersten Band und die Welt in meinem Kopf dazu kaputt machen...

    Kennst du eigentlich auch den Film dazu? Hab mir den grad auf DVD geholt. ^__^

    Liebe Grüße!:)

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    1. Hey Kelly!
      Ich weiß, ich meckere auf hohem Niveau. Manchmal bläht sich das ganz schön auf in den Rezensionen, weil man den Menschen ja auch nicht nur die positiven Aspekte andrehen will. Das mit der Umgebung war zum Beispiel für mich kein "Störfaktor". Es ist mir nur aufgefallen und ich meine, dass man das vielleicht ansprechen sollte.

      Ich lese gerade den zweiten Teil, und bis jetzt bin ich eher enttäuscht und ich nehme es vollends zurück, dass Katniss weniger berechnend sein soll. Ihr Rumgeheule geht mir im zweiten Teil nämlich tierisch auf die Nerven xD Aber ich hätte gerne mehr über Katniss erfahren, oder über Peeta, von dem ich eigentlich gar keine Ahnung hatte, wie man ihn einschätzen soll...
      Das Ende fand ich auch ganz schön plump, nicht nur die komischen Wölfe oder wie auch immer, aber auch die Auflösung, wie Katniss überlebt...

      Den Film habe ich mal geguckt, aber das ist schon etwas her. Ich werde ihn mir aber demnächst zulegen und ihn dann rezensieren, genauso wie Catching Fire - davon hört man ja, dass er sogar besser als das Buch sein soll!

      Liebe Grüße ^^

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